Hartmut Mohr
Hauptstrasse 29
55490 Gemünden

 

Überlegungen anlässlich der Gründung eines zweiten Schapendoesclubs

In vielen Rassen gibt es – auch auf nationaler Ebene – nicht nur einen Club, der sich um die Belange der Rasse kümmern will. Bei mancher Rasse mag das ohne größere Probleme möglich sein. Bei kleineren Rassen allerdings müsste man überlegen, ob dadurch nicht der Genpool entscheidend eingeengt wird.

Ich erlaube mir als Ehrenmitglied und Mitbegründer der IG Schapendoes, allen Verantwortlichen, aber auch allen anderen Schapendoesfreunden hiermit meine Meinung mitzuteilen.

Zweiter Schapendoes-Club

Was bedeutet die Abspaltung für die Schapendoes-Population?

Nach mehr als 30 Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Schapendoes ist eine Situation eingetreten, vor der ich immer gewarnt habe: Ein zweiter Club wurde gegründet. Was bedeutet das für die IGS – und, weit wichtiger, für die Gesamtpopulation unserer Rasse?
Grundsätzlich bleibt es jedem selbst überlassen, in welchem Verband er oder sie züchtet. Dennoch sollte man sich der Konsequenzen einer Zucht außerhalb der IGS bewusst sein.

Ursachen

Die Gründung eines Zweitvereins entsteht meist aus dem Gefühl heraus, im ursprünglichen Club nicht gehört oder verstanden zu werden – häufig aus persönlichen oder zuchtstättenspezifischen Gründen. Oft sind in der Folge die Zuchtbestimmungen im neuen Verein weniger streng.

Dabei geht es jedoch nicht darum, abgewanderte Mitglieder als „Dünnbrettbohrer“ abzustempeln. Auch der Vorstand der IGS muss sich die Frage gefallen lassen, ob ausreichend Überzeugungsarbeit geleistet wurde. Entscheidungen sollten nicht über die Köpfe der Mitglieder hinweg, wenn auch stets im Sinne der Rasse, getroffen werden. Stattdessen wäre es wichtig, Kritik ernst zu nehmen und Mitglieder und vor allem Züchter besser „abzuholen“ und „mitzunehmen“.

Dies bedeutet nicht, mühsam erarbeitete Regeln zu verwässern oder Zuchtstrategien zurückzunehmen, sondern Kommunikation und Transparenz zu stärken. Wenn Kritik im Verein hauptsächlich hinter vorgehaltener Hand geäußert wird, ist das ein Warnsignal.

Zuchteinschränkende Maßnahmen sind für jeden Züchter schwer zu akzeptieren. Sie fühlen sich oft wie persönliche Rückschläge an und erzeugen schnell das Gefühl, missverstanden zu werden. Dabei wäre es im Sinne der Gesamtpopulation notwendig, Entscheidungen sachlich und mit Stolz vertreten zu können – etwa, wenn ein Hund nur bedingt oder gar nicht für die Zucht geeignet ist.

Umgekehrt sollten sich Kritiker der Konsequenzen ihres Handelns bewusst sein. Anders als in vielen Ländern, in denen Zweitvereine automatisch FCI-Ahnentafeln erhalten, liegt in Deutschland die Zuchtbuchhoheit beim jeweiligen, vom Verband anerkannten Rassezuchtverein. Der VDH erkennt jedoch nur solche Vereine an, die bestimmte Kriterien erfüllen. Im Falle unserer Rasse wird die IGS alleine die Zuchtbuchhoheit behalten; kein anderer Verein wird – aufgrund der recht kleinen Population – die Kriterien des VDH auf lange Zeit erfüllen können.

Veränderte Zeiten

Die Zeiten haben sich geändert – und mit ihnen die Menschen. Clubschauen waren früher deutlich stärker besucht. Ausstellungen waren nicht nur Wettbewerbe um den typgerechtesten Hund, sondern auch gesellschaftliche Ereignisse für die Mitglieder. Man traf sich am Ring, tauschte Wissen und Erfahrungen aus. Sonderleitungen waren problemlos zu besetzen.
Umso ernüchternder ist es, dass bei der letzten CACIB in Dortmund sogar ein anderer Club die Sonderleitung übernehmen musste. Einst verfügten wir über einen ansprechenden, vielbeachteten Vereinsstand auf großen Ausstellungen – inzwischen landeten die Dekoelemente im Müll, weil niemand mehr Verantwortung für Betreuung und Lagerung übernehmen wollte. Besonders hart für denjenigen, der damals die Ausrüstung des Standes gestiftet hat. 

Auch Rassevorführungen, einst ein wichtiges Instrument zur Bekanntmachung des Schapendoes, werden nicht mehr realisiert.

Vieles – sehr vieles – ist im Sande verlaufen.
Ich wage zu behaupten: Es mangelt an einem „Wir-Gefühl“. 

Konsequenzen

Die Gründung eines zweiten Vereins bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die gesamte Schapendoes-Population. Jede Aufsplitterung einer ohnehin kleinen Rasse birgt Risiken – insbesondere, wenn unterschiedliche Zuchtphilosophien und Qualitätsstandards aufeinandertreffen.

Erstens besteht die Gefahr, dass sich zwei voneinander getrennte Genpools entwickeln. Werden Zuchtbücher nicht mehr gemeinsam geführt, fehlen sowohl Transparenz als auch ein umfassender Überblick über die genetische Vielfalt. Langfristig kann dies zu einer weiteren Reduktion des Genpools führen – ein Problem, das gerade bei seltenen Rassen gravierende Folgen haben kann.

Zweitens sinkt die Kontrolle über eingesetzte Zuchttiere. Unterschiedliche Vorgaben bezüglich Untersuchungen, Zuchtzulassung oder Dokumentation führen zwangsläufig zu einem Qualitätsgefälle. Werden Tiere ohne ausreichende gesundheitliche oder zuchtrelevante Überprüfung eingesetzt, erhöht sich das Risiko, dass genetische Defekte unbemerkt weitergegeben werden. Was im Einzelnen wie eine kleine Ausnahme erscheinen mag, kann sich auf Populationsebene schnell negativ auswirken.

Drittens erschwert eine Zersplitterung die gemeinsame und langfristige Zuchtplanung. Ein Verein allein kann nicht mehr auf alle relevanten Daten zugreifen. Wichtige Entscheidungen – etwa zur Begrenzung von Inzucht, zur Kontrolle populärer Vatertiere oder zum Einsatz seltener Linien – werden ungleich schwieriger. Ohne einheitliche Datengrundlage verlieren selbst gut gemeinte Zuchtstrategien an Wirkung. 

Schließlich leidet auch die Außenwirkung der Rasse. Ein uneinheitliches Auftreten, konkurrierende Zuchtvereine und abweichende Standards wirken auf Neuzüchter und Interessenten verunsichernd. Das Vertrauen in die Ernsthaftigkeit der Zuchtbemühungen kann sinken – und damit letztlich auch die Bereitschaft, sich langfristig engagiert einzubringen.

Die Folgen einer Abspaltung müssen daher immer im Kontext der gesamten Population betrachtet werden. Verantwortungsvolle Zucht bedeutet, über persönliche Interessen oder kurzfristige Erleichterungen hinauszudenken. Nur ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen kann sicherstellen, dass der Schapendoes auch in Zukunft gesund, charakterfest und genetisch vielfältig bleibt.

Appell

Gerade in Zeiten des Umbruchs dürfen wir nicht vergessen, worum es uns allen geht: um die langfristige Gesundheit, Stabilität und Zukunft des Schapendoes. Persönliche Befindlichkeiten, Vereinsstrukturen und organisatorische Fragen sind zweitrangig, wenn das Wohl einer ganzen Rasse auf dem Spiel steht.

Wir alle – Züchter, Vorstand, Mitglieder und Freunde dieser Rasse – tragen Verantwortung für eine Population, die klein genug ist, um verletzlich zu sein, und wertvoll genug, um jeden Einsatz zu rechtfertigen. Spaltungen, parallele Strukturen und unkoordinierte Entscheidungen schwächen das, was wir über Jahrzehnte gemeinsam aufgebaut haben.

Darum mein Appell:

Lasst uns den Dialog suchen, Kritik offen ansprechen, Entscheidungen transparent machen und wieder ein gemeinsames „Wir“ entwickeln. Lassen wir nicht zu, dass die Rasse zwischen unterschiedlichen Interessen und getrennten Wegen aufgerieben wird. Nur wenn wir zusammenarbeiten, Daten teilen, gemeinsam planen und dieselben Qualitätsmaßstäbe anlegen, können wir sicherstellen, dass der Schapendoes auch in Zukunft gesund, typgerecht und genetisch vielfältig bleibt.

Eine starke Population braucht keine zwei Wege – sie braucht einen gemeinsamen, verantwortungsvollen Weg.